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Tiergestützte Therapie: Das LWL-Universitätsklinikum Bochum und der Tierpark + Fossilium Bochum setzen auf tierische Helfer

12.07.2019

Leidet ein Mensch an einer psychischen Erkrankung oder Störung sind Alltag und Sozialleben oftmals stark beeinträchtigt. Das zu diesem Spektrum gehörende Krankheitsbild „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ (BPS) zeichnet sich vor allem durch die Instabilität der Identität, impulsive, teils hochriskante und/oder selbstschädigende Verhaltensweisen und starke Verlassensängste der Betroffenen aus. Die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin des LWL-Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum, Tiertherapeutin Inge Hoster und der Tierpark + Fossilium Bochum erarbeiten nun einen gemeinsamen Therapieansatz für diese Patientengruppe, der sich speziell auf den Einsatz ausgewählter Tiere stützt. Der positive therapeutische Effekt von Tieren wurde wissenschaftlich bereits wiederholt nachgewiesen, weshalb dieser Ansatz in den verschiedensten medizinischen Bereichen zum Behandlungsspektrum gehört. Die Nachfrage nach geeigneten Tieren und einem passenden Umfeld ist bei behandelnden Ärzten und Therapeuten entsprechend hoch. Im Rahmen eines einjährigen Pilotprojekts soll die Auswirkung des Therapieprogramms auf die aversive Spannung der BPS-Patienten anhand von fünf Teilnehmergruppen, die jeweils zwölf Mal im wöchentlichen Rhythmus den Tierpark besuchen, untersucht werden. Der Ablauf der einzelnen Therapieeinheiten wurde in enger Zusammenarbeit aller Akteure erarbeitet, wie die stellvertretende Leiterin der Zooschule Judith Becker erklärt: „Wir arbeiten mit ausgewählten Tieren, die bereits durch andere zoopädagogische Angebote an den Menschenkontakt gewöhnt sind und zudem ein sanftes und ruhiges Gemüt haben – dazu gehören sowohl Säugetiere, wie unsere Afrikanischen Zwergziegen, als auch Reptilien, wie Königspythons, oder verschiedene wirbellose Tiere. Gerade bei letzteren beiden geht es darum, Vorurteile abzubauen.“ „Die Aufhebung des Gedankens ‚die Schlange ist listig, glitschig oder gefährlich‘ dient in gewisser Weise als Metapher für komplexere Konflikte im Alltag und Sozialleben der Teilnehmenden. Sie erlernen hier im Kleinen, an festgefahrenen und verzerrten Weltbildern sowie ihrem destruktiven Selbstbild zu arbeiten“, ergänzt Tiertherapeutin Inge Hoster.

Der Tierpark + Fossilium Bochum hat in den vergangenen Jahren bereits positive Erfahrungen mit ähnlichen therapeutischen Angeboten sammeln können, wie etwa durch das Programm „Zoomobil“, welches in Zusammenarbeit mit Pflegekräften von Tagespflegeeinrichtungen speziell für Demenzerkrankte entwickelt wurde und sich vor allem an Personen richtet, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind und den Zoo nicht besuchen können. Zoodirektor Ralf Slabik: „Bei unserer Arbeit als gemeinnützige zoologische Einrichtung verfolgen wir das Ziel, so viele Menschen wie möglich für Natur und Tiere zu begeistern. Tiergestützte Therapie ist ein besonderes und sensibles Thema, dem wir uns zukünftig verstärkt widmen möchten. Wir freuen uns, dass wir dafür das LWL-Universitätsklinikum als starken und kompetenten Partner an unserer Seite haben, mit dem wir diesen neuen interdisziplinären Zweig ausbauen können.“ Ralf Slabik sieht die Chancen der tiergestützten Therapie im Tierpark nicht nur in der unmittelbaren Nachbarschaft beider Einrichtungen zueinander: „Unsere enge Zusammenarbeit verbindet die beiden wichtigsten Kernelemente dieses Behandlungsansatzes miteinander – Medizin und Zoologie.“ Alle beteiligten Akteure bringen ihre jeweilige Expertise mit ein und arbeiten stets unter der Berücksichtigung des Mensch- und Tierwohls sowie der Einhaltung hygienischer, veterinärmedizinischer und rechtlicher Standards.

Das Kooperationsprojekt wird im Rahmen einer Promotionsarbeit wissenschaftlich begleitet. Zur genauen Untersuchung der Therapiewirkung wird u.a. das Stresshormon Cortisol bei den Patienten zu Beginn und zum Abschluss des Therapiezeitraums gemessen. Ergänzend wird eine Befragung zur inneren Anspannung vor und nach jeder Therapieeinheit durchgeführt. Die Ergebnisse werden schließlich mit Gruppen aus dem Bereich Bewegungstherapie verglichen. „Schon erste Zwischenauswertungen konnten signifikante Verbesserungen der Spannungszustände bei den Teilnehmenden nachweisen. Dies lässt hoffen, dass wir mit diesem Therapiemodell im Laufe des Projekts weitere Behandlungserfolge erzielen können“, berichtet Prof. Dr. Martin Brüne von der LWL-Universitätsklinik Bochum. Der kaufmännische Direktor des LWL-Universitätsklinikums Bochum, Heinz Augustin ergänzt: „Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts ist für uns als Universitätsklinikum von großer Bedeutung, um neue Erkenntnisse für die Behandlung psychischer Störungen gewinnen zu können, da die universitäre Lehre und Forschung ebenso zu unseren Aufgaben gehören wie die Betreuung von Menschen mit seelischen Problemen.“

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