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Tierarzneimittelgesetz laut Zoos unzureichend für den Tierschutz

25.06.2021

Die Deutsche Tierparkgesellschaft e.V. (DTG) und der Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) weisen auf die großen, noch ungeklärten Lücken im neuen Entwurf des Tierarzneimittelgesetzes des Bundeslandwirtschaftsministeriums hin. „Wenn das neue Tierarzneimittelgesetz so kommt, wie momentan vom Ministerium vorgeschlagen, ist das ein ganz bewusst in Kauf genommener Rückschritt für den Tierschutz“, sagt der Präsident des Verbandes, Jörg Junhold, selbst promovierter Tierarzt und Zoodirektor in Leipzig. „Eine möglichst fach- und damit tierschutzgerechte Behandlung unserer Tiere ist nach diesem Entwurf nicht möglich!“ ergänzt der Präsident der DTG, Gert Emmrich. Als Mitglied beider Zooverbände schließt sich auch der Tierpark + Fossilium Bochum der Kritik an. „Zootierärzte haben in den letzten Jahren immer wieder auf die Missstände hingewiesen, diese scheinen jedoch in der neuen Vorlage keine Berücksichtigung gefunden zu haben“, bemerkt Bochums Zoodirektor und DTG-Vizepräsident Ralf Slabik.

Bei dem Gesetzentwurf, der Ende dieser Woche in zweiter und dritter Lesung im Bundestag behandelt werden soll, entzündet sich die Kritik der Zoogemeinschaft an zwei entscheidenden Punkten.

Zum einen geht es um den Zugang zu hochwirksamen Narkosemitteln für Tiere. „Wenn wir Tiere betäuben müssen, funktioniert das generell wie bei Menschen: Die schnelle Einleitung einer Tiefschlafphase ist die schonendste Variante für den Patienten“, sagt Verbandspräsident Junhold. „Anders als in der Humanmedizin haben wir aber eine enorme Bandbreite an Spezies mit den unterschiedlichsten Rezeptoren. Das heißt, was für ein Rind zu einer sofortigen Betäubung führt, kann selbst ein kleineres Schwein noch nicht einmal verlangsamen.“ In Anbetracht der hohen Artenvielfalt in deutschen Zoos und Tierparks sei es wichtig, immer genau die richtigen Mittel parat zu haben, um Tiere und Mitarbeiter nicht unnötigen Gefahren auszusetzen. Allerdings wird das neue Gesetz dies im großen Umfang verhindern, denn oft genug kommen die fachlich anerkannten Mittel aus sogenannten Drittländern – also von außerhalb der EU. Nicht wegen ihrer Eignung, die fachlich überhaupt nichts zur Diskussion steht, sondern allein wegen ihrer Herkunft dürften sie mit der Gültigkeit des neuen Gesetzes nicht nach Deutschland eingeführt werden. Eines der wichtigsten Narkosemittel für Zootiere, Etorphin – ein Narkosemittel, das bei Elefanten zum Einsatz kommt –, wird beispielsweise in Südafrika hergestellt. Deutsche Tierärzte können dieses nach der Neufassung des Gesetzes nicht bekommen.

„Ein professionelles und tierschutzgerechtes Narkosemittel steht den Zootierärzten dann nicht zur Verfügung!“ so DTG-Vizepräsident, Dr. Nils Kramer, selbst Tierarzt. „Statt die fachlich besten, wirksamsten und tiergerechtesten Medikamente einsetzen zu können, müssen risikoreichere und unpassendere Medikamente eingesetzt werden. Ein Unding!“

Der zweite große Kritikpunkt entzündet sich an der Einordnung von Zootierarten durch den Gesetzesentwurf als potenziell „lebensmittelliefernde Tiere“. Der Gedanke hinter dieser Einteilung wird grundsätzlich auch von der Zoowelt geteilt. Denn diese in der Regel zu den Nutztierarten gehörenden Tiere dürfen nicht mit bestimmten Medikamenten behandelt werden, wenn sie später für den menschlichen Verzehr genutzt werden sollen. Dadurch soll die Medikamentenübertragung über das Fleisch verhindert werden. Sven Hammer, Präsident des Verbands der Zootierärzte und Tierparkdirektor in Görlitz: „Auch unsere Wisente, Yaks und Bisons sind letzten Endes Rinder und fallen in diese Kategorie, aber selbstverständlich werden sie niemals auf einem Teller landen.“ Weil sie dennoch vom Ministerium als potenzielle Nahrung eingestuft werden, bleibt eigentlich nur der Rückgriff auf für Nutztiere zugelassene Mittel mit beschränkter Wirkung. „Das beeindruckt dann einen Bison eher kaum“, sagt Sven Hammer. Tendenziell haben Zootiere eine höhere Lebenserwartung und zeigen typische Alterserscheinungen, die behandelt werden müssen. Hier gibt es durch die vorgeschlagene Regelung kaum zugelassene Medikamente, die Abhilfe schaffen können.

Vor dem Hintergrund einer bereits lange funktionierenden Ausnahmeregelung für Pferde und Kaninchen fragen sich die Zooverbandsmitglieder warum Zootiere derartig anders behandelt werden. Der hierzulande sog. Equidenpass ermöglicht es allen Pferdehaltern zu erklären, dass ihr Tier als nichtlebensmittelliefernd gilt.  Das Pferd darf dann zwar nicht mehr geschlachtet werden, es stehen dem Tierarzt aber eine ganze Bandbreite weiterer Medikamente zur Verfügung, die er sonst nicht einsetzen dürfte.

Die Botschaft der zoologischen Gärten ist eindeutig. „Überarbeiten Sie den Entwurf bitte mit Augenmaß“, sagt VdZ-Präsident Junhold in Richtung des Ministeriums. „Wir wollen nur das Beste für unsere Tiere, also lassen Sie bitte international gültige Therapiestandards auch in Deutschland zu.“

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