Aktuelles

Bochumer Mönchsgeier-Jungtier zieht nach Belgien - Dating-Voliere zur Partnervermittlung bedrohter Greifvögel

17.09.2021

Eindringliche schwarz-braune Augen, ein bedrohlich kräftiger Schnabel und eine imposante Flügelspannweite. Mit seinen gerade mal vier Monaten ist der junge Mönchsgeier bereits ein stattlicher Vogel geworden, der sich kaum noch von seinen Eltern in der Voliere des Tierpark + Fossilium Bochum unterscheidet. Dabei wog das kleine Geierküken gerade mal 175 Gramm bei seinem Schlupf am 2. Mai. 11 Wochen später brachte die „Kleine“ dann schon stattliche 8.100 Gramm auf die Waage. Aufgewachsen ist der Geier jedoch nicht in Bochum, sondern in der Obhut der Falknerei Volker Walter im niederbayrischen Altmühltal. „Unsere zwei Mönchsgeier gehören zu den erfolgreichsten Zuchtpaaren in ganz Europa. Nachdem die Naturbrutversuche in den letzten drei Jahren jedoch nicht wie gewohnt zum gewünschten Nachwuchs führten, haben wir uns in diesem Jahr dazu entschlossen, das befruchtete Ei aus dem Nest zu entnehmen, um die Entwicklung des Jungtieres zu sichern“, begründet Zoodirektor Ralf Slabik die Entscheidung das Küken per Hand aufzuziehen. „Mönchsgeier zählen zu den bedrohten Greifvogelarten. Der Wiederaufbau und Erhalt wildlebender Populationen ist von größter Bedeutung. Unsere Nachzuchten leisten dazu einen wichtigen Beitrag“, führt Slabik weiter aus.

Der Tierpark kooperiert bereits seit über 30 Jahren mit der Falknerei Volker Walter, die ihn bei der Aufzucht von Greifvögeln erfolgreich unterstützt. Die Falknerei engagiert sich seit Jahrzehnten in der Umweltbildung und bringt die Besonderheiten von Greifvögeln einem breiten Publikum näher. In der Obhut der Greifvogel-Experten entwickelte sich der Geier prächtig. Inzwischen ist er jedoch selbstständig genug, um das heimische „Nest“ zu verlassen. Ralf Slabik ließ es sich nicht nehmen, seinen Schützling persönlich am 26. August 2021 dem Planckendael Zoo in Belgien zu übergeben. Hier wird der Jungvogel nach einer kurzen Eingewöhnungsphase eine Dating Voliere beziehen. „Die Zusammenstellung von Zuchtpaaren ist eine sensible Angelegenheit“, erklärt Jens Stirnberg, Diplom-Biologe und Abteilungsleiter der Zoologie. „Eine Dating-Voliere funktioniert quasi wie eine Single-Börse, in der die untergebrachten Vögel selbst ihren Partner wählen können.“ Der Planckendael Zoo koordiniert das zooübergreifende Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für Mönchsgeier, an dem sich auch der Bochumer Tierpark beteiligt. EEPs koordinieren europaweit die Zucht von in Zoos gehaltenen Tierarten, um deren Erhalt langfristig zu sichern. Bereits seit vielen Jahren studiert das belgische Team im Planckendael Zoo das Paarungs- und Brutverhalten der Geier, um das Zuchtmanagement zu verbessern und neue Erkenntnisse für den Arterhalt zu gewinnen. „Viele Nachzuchten konnten wir im Rahmen des EEPs und in Kooperation mit der ‚Vulture Conservation Foundation‘ auf Mallorca, in Spanien, Frankreich und Bulgarien bereits auswildern. Aktuell sind wir dabei die Geierpopulation zu verjüngen, um das Durchschnittsalter der Zuchtpärchen zu verringern. Das sorgt für sichere Nachzuchten - heute und in Zukunft - und so auch für erfolgreiche Auswilderungen der bedrohten Art“, erklärt Marleen Huyghe, Vogel-Kuratorin im Planckendael Zoo, Belgien, und EEP-Koordinatorin für Mönchsgeier. Die Etablierung einer neuen Geierpopulation erfordert sowohl fachliche Expertise und gute Organisation, als auch Willensstärke und Geduld. In der Dating Voliere im Planckendael Zoo haben die „Turtelgeier“ in einer großen, naturnahen Voliere von 13 Metern Höhe viel Platz, um den richtigen Partner zu finden. Wenn sich zwei Vögel gefunden haben, ziehen sie in sogenannte Zuchtvolieren um. Dort kann das Team des Planckendael Zoo jeden Winkel der Voliere rund um die Uhr dank moderner Kameraausstattung beobachten. Aktuell nehmen 138 Geier aus 38 Mitgliedzoos des europäischen Dachverbandes der Zoos und Aquarien EAZA (European Association of Zoos and Aquaria) sowie ausgesuchte Privathalter an dem Zuchtprogramm teil. „Wir freuen uns mit unserem Partner, der Falknerei Walter auf die Zusammenarbeit mit dem Planckendael Zoo und hoffen auf weitere erfolgreiche Nachzuchten in den kommenden Jahren, um den Bestand der mächtigen Vögel zu sichern“, so die stellvertretende Zoodirektorin und Diplom-Biologin Kerstin Schulze.

Das Bochumer Geierpaar „Archie“ und „Gräfin“ gehört zu den bekanntesten Bewohnern des Tierparks. Männchen „Archie“ war der erste Mönchsgeier, der 1993 im Bochumer Tierpark nachgezüchtet wurde. Zusammen mit seiner vier Jahre jüngeren Partnerin „Gräfin“ zog er in den vergangenen Jahren im hoch gelegenen Horst der Voliere sieben Jungtiere groß. Zwei Jungtiere – das Weibchen „Frances“ und das Männchen „Sirius“ – wurden in den Jahren 2008 und 2009 im Rahmen eines sorgfältig geplanten Auswilderungsprogramms erfolgreich in den südfranzösischen Alpen ausgewildert.

Mönchsgeier leben häufig in kleinen Kolonien und bleiben ein Leben lang mit einem Partner zusammen. Der Horst (Nest) wird auf hohen Bäumen oder Felsen errichtet. In der Brutzeit wird nur ein einziges Ei gelegt, welches 52 bis 56 Tage von beiden Partnern bebrütet wird. Das Jungtier wird zuerst mit vorverdauter Nahrung gefüttert, bleibt etwa drei bis vier Monate im Nest und wird dann noch weitere zwei Monate von den Eltern betreut. Mit fünf bis sechs Jahren gründen die Nachkommen eine eigene Familie.

Der Mönchsgeier, auch Kuttengeier genannt, ist einer der größten europäischen Greifvögeln. Er ist in vielen Gebieten bereits ausgerottet und darum sehr streng geschützt. Heute lebt die Geierart in Restbeständen auf der iberischen Halbinsel, in Marokko, Kleinasien und Westchina. Mönchsgeier ernähren sich von Aas. Dank des sehr kräftigen Schnabels können sie auch zähe Fleischstücke zerreißen. Knochen oder Innereien überlassen sie größtenteils anderen Geierarten und weiteren Aasfressern. Aufgrund der natürlichen Kadaverbeseitigung fungieren sie als die „Gesundheitspolizei“, indem sie die Ausbreitung von Keimen verhindern und somit das Ökosystem schützen.

AIS-Image
AIS-Image