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Inklusives Tierpark-Erlebnis – Innovative Smartphone-App für Menschen mit und ohne Behinderung wird im EFRE.Stars NRW-Wettbewerb ausgezeichnet

15.11.2021

Dennis H. ist seit seiner Geburt sehbehindert und seit seinem 15. Lebensjahr nahezu blind. Er ist einer von schätzungsweise 1,2 Millionen blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland[1]. Seine Restsehfähigkeit von 2 % auf einem Auge ermöglicht es dem 25-jährigen zwischen hell und dunkel zu unterscheiden. Ein Erdmännchen – oder ein anderes exotisches Tier – hat er noch nie in seinem Leben gesehen. Dennoch liebt er es, mit seiner Familie in den Zoo zu gehen – das gemeinsame Erleben und die Begeisterung für Tiere verbindet. Bei seinem Besuch im Tierpark + Fossilium Bochum hat Dennis H. nun die Möglichkeit, mit allen verfügbaren Sinnen in die Welt der Tiere einzutauchen! Das hier entwickelte barrierefreie und intelligente Informationssystem Ambient Information 4 All (AI4A) ist auf die individuellen Bedürfnisse verschiedener Besuchergruppen zugeschnitten. Dabei werden sowohl Sehbehinderte und Blinde, Hörgeschädigte und Gehörlose sowie mobilitätseingeschränkte Menschen, als auch Menschen ohne eine Behinderung angesprochen. Darüber hinaus unterscheidet AI4A auch zwischen Kindern oder Erwachsenen. Mithilfe interaktiver Erlebnisstationen und des eigenen Smartphones wird die reale Zoowelt mit digitalen Angeboten verknüpft. Für diesen innovativen und inklusiven Ansatz wurde das Projektteam hinter AI4A am 12.11.2021 im EFRE.Stars NRW-Wettbewerb des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie NRW ausgezeichnet.

 „Integraler Bestandteil des neuen Tierparkerlebnisses ist eine Smartphone-App, die wertvolle Informationen rund um den Zoobesuch und natürlich zu den tierischen Bewohnern zur richtigen Zeit, am richtigen Ort auf das Handy des Nutzers spielt“, erläutert Prof. Dr. Jörg Muschiol, Geschäftsführer der netzfactor GmbH. Die Software-Entwicklungsfirma ist einer der drei beteiligten Projektpartner. Moderne Technologien, wie 360°-Videos, Augmented Reality oder ein 3D-Druck-Verfahren eröffnen Besuchenden völlig neue Perspektiven auf die Tierwelt.

Blinde und sehbehinderte Menschen wie Dennis H. finden bereits am Tierpark-Eingang ein verlegtes Blindenleitsystem, das ihnen die Orientierung durch den Park erleichtert. Das Wegenetz ist zusätzlich als digitale, taktile Karte in der App hinterlegt. Vibrationen und ein Audioassistent signalisieren die Wegeführung. Das Leitsystem führt zu den insgesamt sieben Erlebnisstationen an ausgewählten Tieranlagen im Park. Auf den Edelstahlpulten sind Tastmodelle passend zum jeweiligen Tier angebracht. Bei den Erdmännchen findet Dennis H- sowohl ein Ganzkörpermodell des Raubtieres sowie besondere Details, wie die Pfote oder das Gebiss, die sich genau ertasten lassen. Der Audioguide der App führt Dennis H. langsam durch das haptische Entdecken und erklärt genau, wieso ein Erdmännchen häufig aufrecht auf den Hinterbeinen steht, dass es die langen Krallen zum Graben von Höhlen einsetzt und die scharfen Eckzähne zum Fangen seiner Beute benötigt. „Wir haben uns während des gesamten Forschungsprojekts intensiv mit den jeweiligen Zielgruppen sowie ihren Bedürfnissen und Erwartungen auseinandergesetzt. Natürlich ist jeder Mensch ganz individuell, unsere Auswertungen der Zielgruppe ‚Blind/Sehbehindert‘ haben jedoch gezeigt, dass die Ansprache der verfügbaren Sinne – wie es bei unseren Tastmodellen geschieht – die Vorstellungskraft des Tieres enorm vergrößert. Dies entspricht unserem Ziel einer chancengerechten Wissensvermittlung im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung“, resümiert Tierpark-Prokuristin Kerstin Schulze.

Die interaktiven Stationstische in Kombination mit der App sind das Herzstück von Ambient Information for all. Kinder finden hier kleine Lernspiele, Quizaufgaben und Erklärvideos. Altersunabhängig ist die Begeisterung für die digitalen Tieranimationen (Augmented Reality), die über die Handykamera plötzlich auf dem Bildschirm auftauchen und zum Greifen nahe scheinen oder für den 360°-Flug mit einem Flamingo. Videos mit Untertiteln bringen Hörgeschädigten besonderes Tierwissen näher, während verlegte Induktionsschleifen das Bellen der Erdmännchen für Hörgerät-Träger:innen hörbar machen. Alle Stationstische sind zudem für Rollstuhlfahrer:innen unterfahrbar und die Tastmodelle sowie Beschilderung in bequem erreichbarer Höhe angebracht. Weitere potenzielle bauliche Hindernisse, wie etwa erhöht angebrachte Beschilderungen, werden durch die digital zugänglichen Tierinformationen in der App ebenfalls abgebaut.  

Die Edelstahltische sowie das Blindenleitsystem stammen aus der Stahlmanufaktur der Firma HOBA STEEL GmbH. Das taktile Leitsystem SPIN® Safe ermöglicht barrierefreies Bauen nach DIN-Vorschrift. „Die Mitwirkung an diesem Forschungsprojekt ist für uns eine besondere Herzensangelegenheit“, betont Geschäftsführerin Malin Gerhards. „Wir beraten und unterstützen täglich städtische und kulturelle Institutionen bei der barrierefreien Gestaltung ihrer Räumlichkeiten. Der Umfang des inklusiven Angebots für ein so diverses Publikum sowie die sinnvolle Verbindung digitaler und realer Elemente ist bei AI4A jedoch einmalig.“

„Unser Forschungsprojekt Ambient Information 4 All macht den Zoobesuch zu einer erlebnisreichen Erfahrung für alle Menschen, mit und ohne Behinderung, unabhängig von Alter, Geschlecht, sozialer oder ethnischer Herkunft“, fasst Ralf Slabik, Zoodirektor und Geschäftsführer der Tierpark Bochum gGmbH, das Konzept des Forschungsprojektes zusammen und fährt fort. „Wir erreichen jährlich rund 350.000 Besuchende aus ganz NRW und sind mit diesem, in der deutschen Zoolandschaft einzigartigen Projekt, ein Vorbild für die gesamte Branche, mit Übertragungspotenzialen für alle Kultur- und Freizeiteinrichtungen in Deutschland.“ Mehr als drei Jahre hat das Projektkonsortium aus der Bochumer Software-Entwicklungsfirma netzfactor GmbH, dem Stahlverarbeitungsunternehmen HOBA STEEL GmbH aus Holzwickede und der Tierpark Bochum gGmbH in Bochum an der Realisierung von AI4A gearbeitet. Gefördert wurde es dabei im Rahmen des Leitmarktwettbewerbs CreateMedia.NRW aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

Als eins von 8.864 Projekten der Förderperiode 2014 - 2020 präsentierte sich das AI4A-Projektteam am 12.11.2021 in Düsseldorf vor dem Fachpublikum des EFRE.Stars NRW-Wettbewerbs. Alle beteiligten Projekte haben das Ziel, die digitale und grüne Transformation des Landes voranzubringen, dabei lokale und regionale Potenziale auszuschöpfen, eine Verbesserung für die Menschen in Nordrhein-Westfalen zu bewirken und den europäischen Gedanken in der Bevölkerung zu stärken. Ambient Information 4 All konnte sich in der finalen Runde gegen seine Mitbewerber durchsetzen und die Jury von seinem großen gesellschaftlichen sowie technologischen Potenzial überzeugen. „Wir sind sehr stolz auf diese Auszeichnung, denn sie unterstreicht die Bedeutsamkeit unseres Forschungsprojekts für ein modernes, tolerantes und gerechtes Miteinander in unserer Gesellschaft“, freut sich Ralf Slabik über die Anerkennung des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie NRW.

„Ein tolles Angebot in unserer Stadt, das für Menschen mit unterschiedlichsten Handicaps barrierefreie Teilhabe und ein eindrucksvolles Tierparkerlebnis ermöglicht. Das Projekt zeichnet insbesondere aus, dass für die verschiedenen Fragestellungen durch die Beteiligung der Betroffenen eine sehr innovative Umsetzung erfolgt ist“, bewertet die Inklusionsbeauftragte Ulrike Salomon-Faust vom Referat für Gleichstellung, Familie und Inklusion in Bochum das neue Angebot im Tierpark.

Drei Jahre nach Beginn des Förderprojekts ist die Forschung nun abgeschlossen. Am Montag, 15.11.2021, präsentierten die Projektpartner ihre Ergebnisse der Presse. In den folgenden Monaten werden abschließende technische und inhaltliche Optimierungen vorgenommen, bevor Zoobesucher:innen die Tierpark-App im Frühjahr 2022 im vollen Umfang nutzen werden können.

[1] Quelle: Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband.

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